ZUR EINSTIMMUNG
Eine Geschichte - Ein Traum – Eine Wirklichkeit
Weit jenseits von irdischer Zeit und begrenztem Raum, weit jenseits menschlicher Vorstellungskraft liegt ein Reich unsagbarer Schönheit. Paradiesische Gefilde erstrecken sich als Abglanz göttlicher Pracht in endlose Räume; ungeahnte köstliche Düfte durchziehen die Luft, die aus anderem Stoffe ist als unsere.
Hättest du Ohren dafür, würdest du den Klang der Ewigkeit vernehmen – Töne süßester Glückseligkeit und vollendeter Harmonie, gespielt von Wesen zauberhafter Natur.
Jenseits, weit jenseits menschlicher Vorstellungskraft liegt dieses Wonneland der Himmelsmusik, das aber wohl vertraut den geheimsten Winkeln unseres Herzens ist, welches sich nach Rückkehr sehnt in diese seine Heimat.
Hast du nicht auch schon einen Abglanz davon erhascht – in jenen seltenen Momenten der Entrückung? Hat deine Sehnsucht dich nicht manchmal schon auf himmlischen Flügeln nah an die Pforten dieses Reiches getragen, wo du manch süßen Klang erlauschen durftest? Erinnere dich und dann tauche ein in das unendlich ferne,
glockenhelle Klingen deiner Erinnerung
Unfassbar für den menschlichen Geist sind die überirdischen Welten, nicht zugänglich unseren Sinnen. Doch Sehnsucht, diese Brücke zwischen hier und dort, lässt manchmal einen Augenblick die Pforte offen stehen – du blickst hindurch und siehst den Himmel, der sich makellos wölbt, siehst die Sonne, die nie vergeht, und Gottes Ewiger Atem weht dich an.
Dort wohnen Wesen, erschaffen aus Licht, leicht wie Wolken, die sich von Düften nähren und die unsterblich sind. Sie sind die Schöpfer himmlischer Musik, sind die Erbauer einer himmlischen Welt, die ganz aus Tönen besteht, kristallen funkelnd in makelloser Schönheit, gewebt nach den Mustern der Sphären.
Erhabener Gesang, zum Lobpreis des Höchsten ist ihre Sprache, zu vollendet für menschliche Ohren.
Doch dann und wann stiehlt sich ein Funke in das empfängliche Herz eines begnadeten Sängers, verleiht seiner Stimme göttlichen Glanz. Der uns dahin zurückträgt,
von wo dieser kam – zum erhabenen Wohnsitz der Himmlischen Musiker
Gandharva Loka
Hast du nun Lust, mehr zu hören von diesem Zauberreich?
Dann folge mir mit lauschendem Herzen
in tief versammelter Stille
Glaubst du auch, dass das Paradies nur unseren Träumen entspringt, dass nichts, aber auch nichts unseren Traum zur Verwirklichung bringen kann? Dass wir auf ewig verdammt sind, unerfüllt und unzufrieden auf unserer Erde durch das Weltall zu rollen, ohne Hoffnung auf Veränderung? Ist dies nicht unsere alltägliche Wahrnehmung und traurige Überzeugung?
Glücklicherweise gibt es ja mehr als, was sich Menschengeist denkt.
Was für ein Schöpfer wäre Gott, wenn Er unberührten Herzens auf diese Seine Schöpfung herabblickte, wenn Er ihr nicht Wege zeigte zu Hoffnung, Befreiung und Glück…
Nein, Gott ist Liebe. Die Brücken zwischen Ihm und uns sind da, waren da zu jeder Zeit und werden auch in Zukunft immer zugänglich sein.
Tag um Tag verkehren Himmelsboten, Gottesdiener, Engelwesen über diese Brücken zwischen Himmel und Erde. Tag um Tag tragen sie himmlische Nahrung zu uns Menschen, göttlichen Segen, schützendes Licht. Ohne ihre Dienste wäre unsere Welt schon lange nicht mehr.
Nein, die Brücken sind da – es liegt an uns, unsere inneren Augen und Ohren zu öffnen, damit auch wir sie betreten können.
Sag, ist nicht Musik eine von ihnen? Ist sie nicht eine der größten Gaben des Himmels? Sie trägt uns auf ihren Flügeln fort, vertreibt die Schatten, die Trauer, die Leere. Erhebt uns, entführt uns für Augenblicke in eine andere Welt. Nur fragen wir nicht danach, aus welchen lichten Höhen sie kam, in welche Himmel sie uns trug. Wir spüren nur den süßen Geschmack auf unseren Lippen, den blumigen Duft in unserem Herzen. So schmeckt der Nektar, den die Götter trinken, der unsterblich macht. Den wir täglich zu trinken wünschen, und der doch nur flüchtigen Momenten vorbehalten bleibt. Wir sehnen uns nicht genug danach, geben uns zu schnell mit Wenigem zufrieden…
*
Von jener fernen geheimnisvollen Welt, vom Reich der himmlischen Musiker will ich dir erzählen. Sieh es als ein Märchen an oder als einen Traum, der unsere Wirklichkeit berührt.
*
I
Es gab eine Zeit auf der Erde, wo Trauer, Unzufriedenheit und Dunkelheit das Leben der Menschen im Übermaß beherrschten. Nie hörte man einen Menschen singen, selbst die Vögel verstummten dort, wo die Menschen wohnten. Überall lastete die beklemmende Atmosphäre des Unglücklichseins.
Wie sollte Gott der Schöpfer glücklich sein, wenn Er sah, wie diese Seine Welt im Meer der Traurigkeit versank?
Nach langem Sinnen beschloss Er, Seinen Kindern etwas zum Geschenk zu machen, das ihnen helfen würde, sich von ihrem Kummer zu befreien. Es sollte ein Geschenk sein, das in ihnen die Erinnerung an den Himmel wieder erwecken würde, das ihnen den Sinn für das Gute, die Schönheit und die Harmonie wieder geben würde …
In Gottes Unendlichem Reich gibt es eine Welt, die Gandharva Loka genannt wird – das Reich der himmlischen Musiker. Dort wohnen die Wesen, die Tag für Tag die Glorie Gottes besingen, die einen Ehrenplatz im Palast des Höchsten einnehmen und Seine ergebenen Diener sind. Nun sind dies nicht nur Sänger, sondern auch die Erfinder aller Arten von Musikinstrumenten, die sie selber bauen und auch meisterhaft spielen.
Alle die Instrumente, die wir auf Erden kennen, stammen in Wahrheit von den ihrigen ab, doch wissen wir nicht, dass die Gandharvas diejenigen waren, die uns einmal die Inspiration schenkten.
An diese lichtvollen Wesen nun wandte sich Gott, der Herr mit der Bitte, zwei Boten auf die Erde zu schicken, um die Menschen dazu anzuregen, in sich selbst das Feuer der Kreativität zu entfachen und zu vermehren, nicht nur willenlos nachzuahmen, was ohnehin schon existierte. Auf diese Weise würden die Menschen das Gefühl haben, in Freiheit und Selbständigkeit schöpferisch tätig zu sein und somit in das Bild dessen zu wachsen, der sie erschaffen hatte.
Nachdem im Reiche der Gandharvas die Bitte des Höchsten bekannt geworden war, wurde der Rat der Ältesten einberufen, um die Wahl zu treffen.
*
Nun stelle dir bitte nicht eine dieser langweiligen Sitzungen vor, wie sie unter den Menschen üblich ist.
O nein, wäre das sonst der Himmel? Gerade bei den erhabenen Musikern sind solche Versammlungen Feste, Zeremonien, grandiose Konzerte!
Der durchdringende Schall von siebenundsiebzig riesigen Muschelhörnern, der bis in den letzten Winkel des Reiches dringt, verkündet jedem Bewohner von Gandharva Loka, dass wieder einmal eine wichtige Zusammenkunft stattzufinden hat. Und so hält jeder Einzelne in seiner Tätigkeit inne und setzt sich in Stille nieder, um seine eigene Kraft der Versammlung zufließen zu lassen. Die Ratsmitglieder begeben sich dann auf dem kürzesten Wege zum Hain Der Stille, wo der geheiligte Ort der Zusammenkünfte ist.
Die wundersamsten Gestalten sind es, die dann von allen Seiten zusammenströmen. Sie fliegen in Gedankenschnelle, sind umgeben von Wolken köstlichster Düfte und jede hat ihren eigenen Klang. Was ist dann nicht alles zu hören: silbriges Läuten, fröhliches Zwitschern, lustiges Pfeifen, grummelndes Grollen, schmetterndes Pauken, zartestes Schwingen, mächtiges Donnern. Als würde ein Orchester zu stimmen anfangen. Ein scheinbar wirres Durcheinander zahlloser Klänge, bar jeder göttlichen Harmonie.
Aber sobald alle Mitglieder eingetroffen sind, schwingen sie sich alle ein auf Einen Ton, in den alle Verschiedenartigkeit der Klänge einfließt so wie Flüsse ins Meer, scheinbar darin untergeht, aber bei genauem Hinhören doch bestehen bleibt.
Nun stelle dir einmal die Gewalt eines solchen Tones vor, der alle Nuancen von Klang in sich vereint! Vielfalt in der Einheit, Einheit in der Vielfalt. Ein Ton wie zu Beginn der Schöpfung, aus dem heraus alles entstanden ist.
Das heilige AUM …
Dies ist der Beginn der himmlischen Versammlung – Inspiration, Meditation,Vereinigung. Es wird nicht gesprochen, denn es gibt ein viel höheres Instrument der Verständigung: Aus der Stille wird die Entscheidung geboren, aus der schweigenden Übereinkunft all derer, die dort gesammelt sitzen.
*
Das Anliegen, um das es jetzt ging, kam als Botschaft von oben gleich einer Säule aus Licht, trat direkt ein in das offene Herz eines jeden. Sie nahmen sie auf, ließen sie reifen und gaben all ihre Weisheit hinzu.
Aus ihrer Verbundenheit formten sich Bilder; es entstanden die Gestalten der beiden, die zur Erde gesandt werden sollten: zwei Kinder, mit Namen Gita und Nada.
Für einen Moment erhob sich Unruhe unter den Ratsmitgliedern. Zwei Kinder sollten diese nicht ungefährliche Aufgabe übernehmen, zu den Menschen zu gehen? Schließlich war es doch für jeden Himmelsbewohner eine große Herausforderung, auf die Erde herabzusteigen! Wie sollten sie all die Rauheit und Kälte, den Schmerz und die Traurigkeit ertragen?
Aber der Älteste unter ihnen, seiner großen Weisheit wegen hoch angesehen, konnte sie beruhigen:
„Wisset, nur Kinder haben die vollendete Gabe zu spielen. Nur Kindern gelingt es auf mühelose Weise, das Herz jedes Menschen zu erobern. Nur Kinder werden den Menschen zeigen können, wieder zu Kindern zu werden und damit das Lachen und Spielen wieder zu finden. Es wird ihnen nichts zustoßen, denn sie gehen mit dem Segen von uns allen.“
Die Anwesenden nickten zustimmend. Nachdem die Entscheidung getroffen war, tauchten sie ein in einen Zustand tiefster Stille, wie um das Gesagte noch einmal aufzunehmen und zu bekräftigen. Diesmal war kein Laut zu hören, dafür erhob sich rings um den Kreis ein wunderbares Leuchten, das immer strahlender wurde und in Tausenden Farben fluoreszierte. Dieses Licht war geboren aus der Zuversicht und dem Segen aller, dass beiden Kindern die große Aufgabe gelingen möge und sie unversehrt wieder zurückkommen würden. Das Licht würde ihr Schutz und die verbindende Brücke sein, wenn sie auf Erden weilten. So lange würde das Licht bestehen bleiben und die Kinder begleiten.
II
Am nächsten Tag lud Sangit, der Älteste des Rates, die beiden Kinder zu sich nach Hause ein. Er wollte ihnen von diesem wichtigen Vorhaben persönlich erzählen, so dass sie die große Neuigkeit in der rechten Weise aufnehmen könnten. Nada und Gita betraten ehrfürchtig das Haus eines der geachtetsten Männer unter den Gandharvas. Sie verneigten sich vor Sangit, der ihnen mit seiner gütigen und offenen Art jedoch schnell die Scheu nahm.
Er führte sie in seinen kleinen Garten hinaus, der sonnenbeschienen dalag und vom Duft der herrlichen Blumen durchdrungen war. Im Schatten der Bäume ließen sie sich im weichen Grase nieder. Nach einer Minute des Schweigens, die die Kinder spüren ließ, das etwas Bedeutendes bevorstand, begann der Weise vom Plan Gottes und der Entscheidung des Rates der Gandharvas zu berichten. Andächtig und voller Staunen hörten Nada und Gita zu.
Als Sangit geendet hatte, saßen sie eine ganze Weile still da, um das Gehörte umfänglich aufzunehmen. Schließlich wurden sie ja vor eine Aufgabe gestellt, die selbst für Götterkinder nicht alltäglich war. Aber dann wurde das anfängliche Staunen von wachsender Freude und Begeisterung abgelöst. Sie begriffen, dass sie hier eine Aufgabe bekamen, mit der sie Gott dem Schöpfer dienen konnten. Eine Aufgabe, nach der sich jeder Gandharva sehnte. Sie würden die seltene Gelegenheit haben, auf die Erde herabsteigen zu können und die Menschen kennen zu lernen, die sie ja nur aus Erzählungen kannten. Nada und Gita schauten sich begeistert an und nickten einander zu. Lächelnd hatte Sangit die beiden beobachtet, wohl wissend, dass die Entscheidung der Gandharvas die richtige war.
*
An dieser Stelle muss nun einiges über die Besonderheiten beider Kinder gesagt werden, damit auch du, lieber Leser, verstehen kannst, warum gerade sie ausgewählt wurden.
Gita, deren Name „Lied“ bedeutet, war bekannt für die Schönheit ihres Gesanges, die jeden Zuhörer zutiefst im Herzen berührte. Es gab kaum einen Moment, wo Gita nicht sang; sie selber konnte sich nicht erklären, woher die unerschöpfliche Flut der Lieder kam… sie konnte einfach nicht anders, als dem Drängen der Musik in sich selbst durch Lieder Ausdruck zu verleihen. Jedes Wesen in Gandharva Loka, das Gita schon einmal gehört hatte, liebte und bewunderte ihren seelenvollen Gesang, denn er machte jeden glücklich. Auch die Tiere in ihrer Nähe wurden still, wenn Gita sang.
Nada hingegen war bekannt dafür, dass er jedem Klang nachspürte, der irgendwo existierte. Er entdeckte nicht nur fortwährend neue Klänge, sondern vermochte sie auch auf vollendete Weise nachzuahmen. Und wie es für viele Jungen in seinem Alter üblich ist, hatte auch Nada eine beachtliche Sammlung außergewöhnlicher Fundstücke, nur dass es nicht Steine oder Schmetterlinge waren, sondern Klänge!
Jeder Himmelsbewohner, der einen bestimmten Klang suchte, konnte sich von Nada inspirieren lassen, denn dieser brauchte nur in die Schatztruhe seiner Klänge zu greifen, um das Passende herauszuholen. Und wenn er nicht gleich das Gewünschte fand, so konnte man sicher sein, dass Nada in kurzer Zeit etwas aufstöbern würde. Auf diese Weise war Nada Entdecker, Forscher und sogar Sammler von Klängen. Daher auch sein Name: Nada bedeutet „Klang“.
Um ein wenig vorweg zu greifen: Noch war Nada, weil er ja erst ein Kind war, mit dem Entdecken und Nachahmen von Klang beschäftigt. Später aber, wenn seine ganze Natur entfaltet sein würde, würde Nada aus sich selbst neue Klänge erschaffen können, Klänge, aus denen neue Universen entstehen konnten.
Und Gita würde zu einer endlos fließenden Quelle von Liedern werden, seelenergreifender, erleuchtender Lieder. Die Macht ihres Gesanges würde jede Dunkelheit überwinden, jeden Anflug von Feindseligkeit zunichte machen. Beide Kinder trugen ein unermessliches Potential in sich, mit ihren Fähigkeiten das Gesicht der Welt zu verändern. Doch davon soll eine andere Geschichte erzählen.
III
Ist es nicht leicht, sich vorzustellen, dass gerade diese Kinder dazu geeignet waren, in den Menschen das Licht des Glücklichseins und der Schöpferkraft wieder zu entzünden?
Wie sich wohl die beiden fühlten, als eine solche bedeutende Aufgabe vor sie hingestellt wurde?
Glücklicherweise werden im Himmel die Kinder von Anfang an zu selbstlosem Dienen erzogen. Auch sind ihnen Angst und Unsicherheit fremd. Wenn ein Kind des Himmels sich entfalten kann, setzt es ungeahnte Kräfte frei, von denen wir Menschen nur träumen können. Ihre Zeit ist von unserer Zeit völlig verschieden; ihre Entwicklungsstufen werden mit anderem Maß gemessen als bei uns.
Nun, Gita und Nada willigten ohne zu zögern ein, auf die Erde herabzusteigen und dort ihr Werk zu vollbringen.
Nachdem Sangit die Zustimmung der Kinder erhalten hatte, wandte er sich dem nächsten Schritt zu: einer umfassenden Vorbereitung der beiden. Denn nun war es erforderlich, Nada und Gita mit allem vertraut zu machen, was nötig war für den Erfolg ihres Auftrages, aber auch für ihren Schutz.
Er rief Satya, die Leiterin der Himmelsschule, zu sich. Ja, stellt euch vor, auch im Himmel gehen die Kinder zu Schule. Doch was sie lernen, ist erleuchtend und schön, schenkt ihnen Harmonie und Freude. Es sind: Tanz und Gesang, Humor und die Kunst zu lachen, Konzentration und innere Stille. Sie lernen lesen im Buch der Weisheit, lernen zu fliegen, lernen sich in Gedanken zu verständigen, lernen selbstlos zu lieben und zu dienen. Kurz, alles was glücklich macht. Jedes Kind geht in die Schule, und alle lernen mit Freude.
Sangit wollte nun mit Satya besprechen, welche besondere Ausbildung Nada und Gita bekommen sollten, um für ihre große Aufgabe bestens gerüstet zu sein. Da Satya ebenfalls zum Rat der Gandharvas gehörte, wusste sie bereits von dem großen Vorhaben. Und sie schlug vor, die Kinder in folgenden Fächern intensiv zu unterrichten: dem Gesang und seinen harmonisierenden, heilenden Wirkungen; der Macht von Mantren – heiligen Silben - und ihrer richtigen Anwendung; dem Tanz des Lichts, der alle Lebewesen verzaubern konnte und der höheren Meditation.
Sangit war sehr zufrieden mit Satyas Empfehlungen und schlug außerdem vor, die Kinder mit dem „Fenster zur Erde“ vertraut zu machen, auch wenn das normalerweise nur den Ältesten und besonderen Eingeweihten vorbehalten war. Da seufzte Satya und zögerte einen Moment. Denn sie wusste, welche erschütternde Wirkung ein Blick durch dieses Fenster haben konnte. Was man dort sah und erlebte, war nicht wie ein Blick durch ein Fenster auf eine ferne Landschaft – nein, es war ein Mitfühlen, Einswerden mit jenen, die auf der Erde lebten und litten. Es war ein Blick sowohl in die Schönheit als auch das Elend irdischen Seins. Und das zu ertragen erforderte gewaltige Stärke des Herzens und Geistes.
Aus seiner großen Weisheit heraus erklärte Sangit jedoch, welcherart diese Ausblicke sein sollten. Nada und Gita sollten erkennen, welche Gesetze die Entwicklung der Erde bewegten, sollten die Stufen des Aufstiegs des Menschen erfassen und sehen, was für geheimnisvolles Wirken der tieferen Kräfte dort geschah.
Sie sollten die Brücken des Himmels zur Erde entdecken, den himmlischen Dienern bei ihrer Arbeit zuschauen und erkennen, welch machtvolles Licht diesen bewegten Planeten umgab.
Es würde genug sein für die Himmelskinder, dieses zu sehen, und auf diese Weise würde in ihnen noch mehr Begeisterung erwachen, hinunter steigen zu wollen.
Nun war es soweit. Der große Augenblick war gekommen. Sangit, Satya und alle weiteren Ratsmitglieder führten die beiden Kinder an das Tor, wo sich der Ausgang in andere Welten befand.
*
Im Grunde war es eigentlich kein Tor, denn die Welten des Himmels sind nicht so voneinander abgegrenzt wie die Länder auf Erden. Vielmehr sind sie ineinander fließend verbunden.
Um aber von einer Welt in die andere reisen zu können, ist ein Pass vonnöten, ein Pass des Lichts. Jedes Wesen, das in den verschiedenen Welten des Himmels verkehren will, muss zuerst die entsprechende Lichtfrequenz entwickelt haben, die mit der Himmelswelt in Übereinstimmung steht. Nur so kann das Licht der jeweiligen Ebene rein erhalten bleiben; nur so kann der Reisende unbeschadet in das nächste Reich eintreten, wenn er den jeweiligen Lichtpass vorweisen kann.
Wie man ihn erhält? Durch aufrichtiges Streben nach Reinheit und Licht.
Wunderst du dich, lieber Leser, dass es auch im Himmel Abstufungen und Prüfungen gibt? Schließlich träumen die Menschen ja immer davon, endlich frei zu sein von Vorschriften und Zwang. Alles tun zu können, was sie wollen... das würde dann der Himmel sein!
Leider oder zum Glück ist es nicht so.
Freiheit entsteht ja erst aus Meisterschaft über die Kräfte, die den Menschen bislang regieren, deren hilfloses Opfer er meistens ist. Stärke entsteht ja erst im Ringen mit dem, was sich widersetzt und nicht verwandelt werden will. Leben heißt sich im Fluss zu bewegen, nicht lässig dahintreiben und träge genießen, was gerade vorbei geschwommen kommt. Licht ist Leben, Licht ist Stärke, Licht ist Mut und Ausdauer.
Deshalb herrschen im Himmel Gesetze und deshalb werden dort Prüfungen verlangt.
Das Wunderbare aber daran ist, dass auf diese Weise auch ein Erdbewohner Zugang in die höheren Welten erringen kann, Zugang zu den Quellen anhaltender Freude, grenzenloser Fülle und wahrer Zufriedenheit.
Wie?
Durch seine Strebsamkeit und Disziplin.
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Was Sangit als das Weltentor bezeichnet hatte, sah aus wie ein in sich verschlungenes Schneckengehäuse, dessen Ende sich in weitläufigen Windungen in der Ferne verlor. Daran befestigt waren grazile Gondeln, welche die Form von Noten hatten. Diese Notengondeln boten jeweils einer Person Platz, und sie bewegten sich in Gedankenschnelle durch den Raum.
Nada und Gita staunten mit großen Augen, denn diese Notenseilbahn war ein architektonisches Meisterwerk des Weltenerbauers, und solch ein Anblick wird einem nicht alle Tage zuteil. Die beiden Kinder schauten einander mit einem ehrfürchtigen Schauern an – nun hieß es Abschied nehmen für eine ungewisse Zeit; das Abenteuer lag greifbar vor ihnen.
Sie wandten sich um; Sangit und die Ältesten hatten einen Kreis um sie gebildet. Noch einmal beschworen diese das Segenslicht, welches die Kinder begleiten würde. Nada und Gita waren nun untrennbar durch einen Lichtstrahl mit Gandharva Loka verbunden. Er war ihre Brücke, ihr Schutz und ihre Inspiration.
Dann winkte Sangit zwei Gondeln heran. Die eine war blau und hatte silberne Fähnchen – in diese stieg Nada ein. Die andere, weiß mit goldenen Fähnchen, war für Gita bestimmt. Die Kinder winkten noch einmal, schlossen dann die Augen, um sich zu konzentrieren – das Leuchten um sie verstärkte sich, und dann ging es los zu einer sausenden Fahrt durch den Kosmos. Die endlosen Windungen der Seilbahn hinab, hinunter in blauschwarze Dunkelheit; blitzende Sterne stoben wie ein Funkenregen um sie her...
Ihre atemberaubende Reise in Richtung Erde hatte begonnen!
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Jennifer:
Was in your [Vancouver] store today and was delighted. Looking forward to visiing again in October. Wishing you much success.